Atemporality — this afternoon

Auf der Rück­fahrt vom trans­me­diale Wochen­ende ein Moment der Stille und des Still­stands. — Und mit im Gepäck die Nach­über­le­gun­gen zu zwei span­nen­den­Vor­trä­gen von Bruce Ster­ling und Sieg­fried Zie­lin­ski und einer inter­es­san­ten Anschlussdiskussion.

Auf taz.de fin­det man bereits einen Arti­kel, der den Vor­trag von Bruce Ster­ling gut zusam­men­fasst. Und auf der Seite der trans­me­diale gibt es alles auch noch mal alles als Vido­st­ream zum Nach­schauen.

Our Future Of Dark Euphoria

Auf dem reboot Fes­ti­val hat Bruce Ster­ling, Science-Fiction Schrift­stel­ler und Pro­fes­sor an der Euro­pean Gra­duate School, die­sen Som­mer eine sehr inspi­rie­rende Closing-Speech gehal­ten, in der er sei­nen Aus­blick auf die kom­men­den 10 Jahre gab.

Dark Eupho­ria — The cul­tu­ral tem­pe­ra­ment of the com­ing decade: Gothic High-tech and Favela Chic.”

Nach dem Kapi­ta­lis­mus­krise und Glo­ba­li­sie­rung unse­rer kul­tu­rel­len Ent­wick­lung einen ordent­li­chen gro­ßen Schock ver­setzt haben, wird die Zukunft eine Trans­for­ma­tion in eine kul­tu­relle Stim­mung der “Dark Eupho­ria” bringen.

“It is neit­her pro­gress nor con­ser­va­tism because there’s not­hing left to con­serve and no direc­tion in which to pro­gress. So what you get is tran­si­tion. Tran­si­tion to nowhere.”dark_euphoria

In der Ster­ling­s­chen Zukunfts­vi­sion der Dark Eupho­ria gibt es die zen­tra­len Erschei­nun­gen bzw. Rol­len des Gothic High-Tech und Favela Chic.

Der Gothic High-Tech wird durch ideo­lo­gie­freie Macher wie Steve Jobs ver­tre­ten, der sym­bol­haft fol­gende Tra­gik ver­kör­pert: “Bril­li­ant, but dying of some­thing secret and hor­ri­ble. Got both hands on the stee­ring wheel, but death is wait­ing.” Als cheer­lea­der statt lea­der im klas­si­schen Sinne arbei­ten die Ver­tre­ter des Gothic High-Tech mit ihren öffent­li­chen Anfeue­run­gen eher an ihrem Platz in der Geschichte, als dass sie als stille Arbei­ter an einem bestän­di­gen kul­tu­rel­len Fun­da­ment arbei­ten. Als lite­ra­ri­sches Motiv bedient sich Ster­ling an die­ser Stelle der Vampir-Metapher: Da sie schon längt tot sind, kön­nen sich Vam­pire ein­fach allen Ver­ant­wor­tun­gen und Beschul­di­gun­gen entziehen.

Der Favela Chic wird durch die­je­ni­gen reprä­sen­tiert, die kein Geld, keine Kar­riere und keine Ver­ant­wor­tung haben, aber doch noch in der vir­tu­el­len Welt total ver­netzt sind. Ster­ling sagt dann auch ganz pla­ka­tiv: “Mys­pace is a favela.” Und sieht in den Social Net­works immer mehr eine bür­ger­rechts­freie Zone, ein poli­ti­sches Slum. Favela Chic, das ist “Living in stuf­fed animals.”

Nach die­sem har­ten Stoff, kommt Bruce Ster­ling aber auch noch mit einer per­sön­li­chen Abwehr­stra­te­gie gegen diese bei­den düs­te­ren Rol­len: “Stop acting dead.”

Als per­sön­li­che Kul­tur­ar­beit rät er dazu, die einen selbst all­täg­lich umge­ben­den Objekte inner­halb von vier Fel­dern ein­zu­sor­tie­ren und so das eigene Bewußt­sein wie­der zu schärfen:

Beau­ti­ful Things
Das sind alle Objekte, deren Schön­heit es wert ist, mit Ande­ren geteilt zu werden.

Emo­tio­nal Mea­ning
Das sind alle Objekte, die einem eine per­sön­li­che Geschichte erzäh­len, die man auch Ande­ren mit­tei­len würde.

Tools
Das sind alle Objekte, die zuver­läs­sig und kon­se­quent eine Funk­tion erfül­len. Mit die­sen Objek­ten darf man auch expe­ri­men­tie­ren, aber als Expe­ri­ment gilt es nur, wenn man auch etwas über das Ergeb­nis erzählt.

Ever­y­thing Else
Alle rest­li­chen Objekte, die im eigent­li­chen Sinne damit wert­los sind.