Eine Geschichte…

„Was habe ich mit all dem zu schaffen, mit all dieser Helligkeit, mit all dieser Dunkelheit?“
(Jean-Luc Goddard)
Beautiful, Meaningful and Functional Things

„Was habe ich mit all dem zu schaffen, mit all dieser Helligkeit, mit all dieser Dunkelheit?“
(Jean-Luc Goddard)
Auf der Rückfahrt vom transmediale Wochenende ein Moment der Stille und des Stillstands. — Und mit im Gepäck die Nachüberlegungen zu zwei spannendenVorträgen von Bruce Sterling und Siegfried Zielinski und einer interessanten Anschlussdiskussion.
Auf taz.de findet man bereits einen Artikel, der den Vortrag von Bruce Sterling gut zusammenfasst. Und auf der Seite der transmediale gibt es alles auch noch mal alles als Vidostream zum Nachschauen.
Ein cooler Comic von Stuart McMillen, der die Kernaussagen der Zukunftsvisionen von Aldous Huxley und George Orwell super auf den Punkt bringt. Die Story des Comic basiert auf einem Essay des verstorbenen Medienwissenschaftlers Neil Postman.

Auf die Frage hin, ob Langsamkeit (slowness) zukünftig für uns genau so wichtig ist wie der allgegenwärtige Faktor Geschwindigkeit, merkt John Maeda an:
“Innovation must also be IDEA (intuition, design, emotion, art) led. This is territory of meaningful and more thoughtful, or slow, advances. It’s about reflection, the human domain, and how we relate to change.”
Hieraus ergibt sich für ihn jedoch die Frage:
“How do we slow down what matters the most and speed up what benefits change and progress? We don’t want to impede progress, but we are seeking reconnection to ourselves, to each other, and with the world.”
Einen konkreten Wege in Punkte Innovation aus Langsamkeit beschreitet das slowLab in New York.
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Die Zeit hat in ihrer letzten Ausgabe fünf Requisiten der nuller Jahre beschrieben. — Coffee to go, iPhone, Ritalin, Porsche Cayenne und der Manufactum Katalog.
Besonders gut hat mir die Beschreibung von Hanno Rautenberg zum “Coffee to go” gefallen. In Zusammenhang mit diesem “Coffee to go” beschreibt er das “Coffee-to-go-Prinzip” mit dessen Hilfe man jede existenzielle Beschleunigung links überholen kann.
“Das Coffee-to-go-Prinzip bedeutet: Alles ist mit allem vereinbar, alles kann überall geschehen. Das Sinfonieorchester im Ohr (MP3-Player), das Internet in der Hemdtasche (Smartphone), sitzen wir inmitten von Hochhäusern am Sandstrand (City-Beach) oder im tiefsten Winter unter freiem Himmel (Heizpilz) und erledigen in schönster Urlaubsstimmung (Cargo-Pants und Kapuzenpulli) unsere geschäftliche Korrespondenz (Laptop). […] Je enger es wird mit unserer Zeit, desto weiter öffnen wir die Räume, so weit, dass es multiple Räume werden, in die alles hineinpasst, das Private wie das Öffentliche.”
Die Wochenzeitung “Der Freitag” hat ein wunderbares Interview mit Alexander Kluge über das neue Jahrzent geführt. Formal ist es interessant, dass es das via Skype geführte Interview in redigierter Form auf der Website von “Der Freitag” zu lesen gibt und gleichzeitig als Rohfassung auf Kluge’s Webangebot von dctp.tv. — Obwohl das Interview im Ganzen sehr erhellend ist, haben mich folgende Aspekte in denen es u.a. auch um Internetkultur geht besonders angesprochen.
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“… ich habe weder die Berechtigung noch das Verständnis, von diesen Dingen zu sprechen. — Ich wollte nur angeben. Bitte entschuldigen Sie.” (Leonard Cohen)
Zu später Stunde haben sich am 25.10. Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit dem Soziologen und Historiker Gunnar Heinsohn und dem Kulturphilosophen und Katastrophentheoretiker Heiner Mühlmann zum Thema “Halbzeit der Krise?” zusammengefunden. Eine Stunde lang haben die vier eine erfrischende, inspirierende Diskussion geführt, die ich nur jedem empfehlen kann, der sich mal eine Stunde lang dem Thema widmen möchte.
Besonders in einer schnelllebigen Zeit in der unzählige, selbsternannte Propheten ihre Trends und Visionen der Zukunft verkünden, besteht eine hohe Relevanz für die Fähigkeit “ordnendes Wissen” im Sinne von “Metawissen” zu schaffen. Wissenschaftlich fundierte Hilfe kann bei dieser Herausfordung die Forschungsdisziplin der Transferwissenschaft bieten. Eine kurze Übersicht transferwissenschaftlicher Prinzipien gibt es auf Transferwissenschaften.de.
Bereits die Aspekte Etikettierung und Wissensevaluation sprechen einen wichtigen Punkt an, der meiner Meinung in der Praxis nicht genügend beachtet wird. Eine wohl überlegte Etikettierung, beispielsweise für Trendwatching, ist natürlich zunächst mit Mehraufwand verbunden, verschafft dann aber nachhaltig mehr Prägnanz und Klarheit, sowie ein schnelleres Einsortieren von neuem Wissen. Die Wissensevalution hat neben einer Filterung den schönen Effekt, dass sie einen nötigt sich mit der Frage nach Relevanzkriterien auseinanderzusetzen.
Ebenfalls ein spannender Aspekt, ist die Frage was und wie viel an implizitem (Hintergrund-)Wissen darzustellen ist. Dieses meiner Meinung nach auch von der Wissbegierigkeit der Adressaten abhängig. Ein müder CEO wir eine leichte Überstrapazierung seines Hintergrundwissend eher negativ empfinden, während ein wissbegieriger Geist eine leichte Überstrapazierung seines Hintergrundwissend vielleicht sogar als “inspirierend” empfindet. Schließlich könnte Letzterer den Anstoss bekommen haben, eine Wissenslücke durch eigenes Forschen auszugleichen.
Der spannenste Aspekt für mich ist jedoch die Tatsache der Wissensselektion, die darauf hinweist, dass Wissen immer nur perspektivisch repräsentier– und transferierbar ist. Dieses Bewusstsein der Perspektivität sollte meiner Meinung nach, vor allem in hektischen und stressigen Phasen immer wieder justiert werden, bevor es gerne mal ganz über Bord geht. Nur mit dem Bewusstsein der Perspektivität kann man nämlich die Form der Wissensselektion und damit der Komplexitätsreduktion in angemessener Weise transparent bzw. explizit machen. Dieses stellt letztendlich auch eine Grundbedingung vor eine authentische und ehrliche Kommunikation dar.
Auf dem reboot Festival hat Bruce Sterling, Science-Fiction Schriftsteller und Professor an der European Graduate School, diesen Sommer eine sehr inspirierende Closing-Speech gehalten, in der er seinen Ausblick auf die kommenden 10 Jahre gab.
“Dark Euphoria — The cultural temperament of the coming decade: Gothic High-tech and Favela Chic.”
Nach dem Kapitalismuskrise und Globalisierung unserer kulturellen Entwicklung einen ordentlichen großen Schock versetzt haben, wird die Zukunft eine Transformation in eine kulturelle Stimmung der “Dark Euphoria” bringen.
“It is neither progress nor conservatism because there’s nothing left to conserve and no direction in which to progress. So what you get is transition. Transition to nowhere.”
In der Sterlingschen Zukunftsvision der Dark Euphoria gibt es die zentralen Erscheinungen bzw. Rollen des Gothic High-Tech und Favela Chic.
Der Gothic High-Tech wird durch ideologiefreie Macher wie Steve Jobs vertreten, der symbolhaft folgende Tragik verkörpert: “Brilliant, but dying of something secret and horrible. Got both hands on the steering wheel, but death is waiting.” Als cheerleader statt leader im klassischen Sinne arbeiten die Vertreter des Gothic High-Tech mit ihren öffentlichen Anfeuerungen eher an ihrem Platz in der Geschichte, als dass sie als stille Arbeiter an einem beständigen kulturellen Fundament arbeiten. Als literarisches Motiv bedient sich Sterling an dieser Stelle der Vampir-Metapher: Da sie schon längt tot sind, können sich Vampire einfach allen Verantwortungen und Beschuldigungen entziehen.
Der Favela Chic wird durch diejenigen repräsentiert, die kein Geld, keine Karriere und keine Verantwortung haben, aber doch noch in der virtuellen Welt total vernetzt sind. Sterling sagt dann auch ganz plakativ: “Myspace is a favela.” Und sieht in den Social Networks immer mehr eine bürgerrechtsfreie Zone, ein politisches Slum. Favela Chic, das ist “Living in stuffed animals.”
Nach diesem harten Stoff, kommt Bruce Sterling aber auch noch mit einer persönlichen Abwehrstrategie gegen diese beiden düsteren Rollen: “Stop acting dead.”
Als persönliche Kulturarbeit rät er dazu, die einen selbst alltäglich umgebenden Objekte innerhalb von vier Feldern einzusortieren und so das eigene Bewußtsein wieder zu schärfen:
Beautiful Things
Das sind alle Objekte, deren Schönheit es wert ist, mit Anderen geteilt zu werden.
Emotional Meaning
Das sind alle Objekte, die einem eine persönliche Geschichte erzählen, die man auch Anderen mitteilen würde.
Tools
Das sind alle Objekte, die zuverlässig und konsequent eine Funktion erfüllen. Mit diesen Objekten darf man auch experimentieren, aber als Experiment gilt es nur, wenn man auch etwas über das Ergebnis erzählt.
Everything Else
Alle restlichen Objekte, die im eigentlichen Sinne damit wertlos sind.